Offener Brief an Bewerberinnen und Bewerber

Sehr geehrte Bewerberin, sehr geehrter Bewerber,
 
„wir danken Ihnen für Ihr Interesse an der ausgeschriebenen Stelle und …..“  -
so oder so ähnlich lautet eine reine Eingangsbestätigung. Diese ist kein Kommentar zu Ihrer Bewerbung – digital oder in Papierform – konkret zu Ihrer Mappe, Ihrem Anschreiben, Ihrem tabellarischen Lebenslauf, zu Ihren Zeugnissen oder der Anzahl der Dokumente (auch in Datenvolumen gemessen). Es wäre aber manchmal und leider im letzten Jahr immer häufiger von Nöten, Sie oder einige von Ihnen auf Schwachstellen, Mängel und Versäumnisse in der Bewerbung hinzuweisen, die uns, den Lesern Ihrer Bewerbungen, manchen Frust bringen und vor allem Ihnen vielleicht sogar die Chancen für eine Einladung zum Vorstellungsgespräch nehmen.
 
Seit Jahrzehnten stellen wir schon fest, dass es immer mal wieder „neue Bewerbungsratgeber“ mit sogenannten „Tipps“ auf dem Markt gibt, die neue Ratschläge geben, deren Verbreitung sich nicht aufhalten lässt. Diese aber tun Ihnen keinen Gefallen,  führen nur dazu, dass die Leser, die die Vorauswahl treffen, über die Einladung oder vielleicht später sogar über die Einstellung entscheiden, keine Freude daran haben, Ihre Bewerbung zu lesen, weil sie den Lebenslauf „erschließen“ müssen.
 
Deshalb erlaube ich mir, aus gegebenem Anlass (es wird schlimmer), hier konkret auf vier derartige Mängel und Schwachstellen in der Hoffnung hinzuweisen, dass es zukünftig besser für Sie und uns ist.
 
Ein bedeutsamer und auch wirksamer Mangel in Bewerbungen seit etwa einem (1) Jahr: Es fehlen häufig Angaben zur Person – und hierbei ganz besonders das Geburtsdatum, -ort und der Familienstand!
Das gilt für junge wie ältere Bewerber, für jede Generation und jedes Geschlecht und jede Berufsgruppe. Angesichts der zunehmend bedeutsamen individuellen Belange* als Wechselmotiv bei der Stellenwahl sind diese persönlichen Daten für den Entscheider wichtig, weil sie Aufschluss über Ihre Lebensphase und soziale Bedingungen geben und Sie möglicherweise umziehen müssen oder nicht. (Und: Wir leben nicht in den USA. Anonyme Bewerbungen führen zu einer negativen Selektion (warum verstecken Sie etwas?). Das Alter lässt sich zwar aus den Zeugnissen rekonstruieren, macht uns aber nur Arbeit und produziert Unmut Ihrer Bewerbung und Person gegenüber.)
 
Es gibt zwei weitere Schwachstellen bei der Erstellung des tabellarischen Lebenslaufes. Die erste hat sich eingebürgert und ist zum Standard geworden: der chronologisch rückwärts geschriebene Lebenslauf (d.h. die aktuelle Position zuerst, Aus-und Fortbildung und persönliche Daten in variierenden Reihenfolgen danach; oder zuerst der höchste Bildungsabschluss und dann der berufliche Werdegang etc. etc.). Diese Darstellungen führen zu einer zweiten Schwachstelle und produzieren häufigauftretende Folgefehler: die chronologisch rückwärtige Darstellung wird nicht konsequent eingehalten! Verläufe wie z.B. Station innerhalb einer Fima in Form in Gestalt des Datums müssten auch konsequent dargelegt werden. Und es hieße auch, die Monate (Januar bis Dezember d.J.) rückwärts zu schreiben (Dezember bis Januar d.J.). Häufig werden dabei Aus- und Fortbildung dann aber doch chronologisch formuliert. Die Variantenvielfalt ist nicht zählbar. Nahezu jeder Lebenslauf ist anders formuliert. Der Leser muss jedes Mal den Verlauf „entschlüsseln“.
 
Bitte bedenken Sie: Der Lebenslauf ist jener Teil der Bewerbung, dem zeitlich und inhaltlich die größte Aufmerksamkeit beim Lesen geschenkt wird bzw. werden muss! Der Leser will Ihren persönlichen beruflichen Verlauf verstehen, Ihre Entwicklung nachvollziehen und dadurch Schlüsse auf Ihre Persönlichkeit ziehen können. Daher empfiehlt sich zum leichten und schnellen Lesen (wenige Minuten stehen zur Verfügung) die traditionelle Gliederung/Reihenfolge:
Persönliche Daten (inkl. Kontaktdaten), Aus- und Fortbildung und Beruflicher Werdegang – wie gesagt: chronologisch. Auf diese Weise bieten Sie Hinweise auf Ihre Persönlichkeit.
 
Die vierte Schwachstelle zeigt sich in zwei Extremen – entweder sehr ausführlich oder fast gar nicht: Informationen über Ihr fachliches Profil. Dieses Profil soll zeigen, was der Bewerber (m/w) kann bzw. gemacht und/oder verantwortet hat. Es dient dem Leser dazu, abzugleichen, wie weit Anforderungen und Kompetenzen zueinander passen. Outplacementberater neigen mittlerweile dazu, diese Auflistung auf mehrere Seiten auszudehnen. Da fragt sich der geneigte Leser: was kann der Bewerber denn jetzt wirklich gut und was weniger? Weniger ist manchmal mehr. Es gibt auch Bewerber, die hinter jeder Position eine Stellenbeschreibung tippen, in der sich dann manches wiederholt und der Kern der Kompetenz nicht (gleich) erkennbar wird bzw. selektiert werden muss.
Das andere Extrem findet sich in jenen Lebensläufen, in denen nur Unternehmen und Positionsbezeichnungen zu lesen sind. Da nahezu jedes Unternehmen eine eigene Arbeitsteilung, eigene Positionsbezeichnungen oder englische Titel hat, lässt sich kaum mehr etwas vergleichen. Erfahrungen, Kenntnisse und Wissen sind nur zu vermuten.
Bitte finden Sie für sich den Mittelweg in der Darstellung Ihrer Kernkompetenzen, denn hiervon hängt die Einladung zum Vorstellungsgespräch ab.
 
Tun Sie sich einen Gefallen, versetzen Sie sich in die Lage des Lesers und Entscheiders (m/w), nehmen Sie ihm Arbeit ab. Er/sie werden es Ihnen danken. Nur Roboter kennen keinen Nasenfaktor. Sobald eine Person Ihren Lebenslauf liest (und keine Software vermeintlich optimiert im Onlineverfahren eine Rasterfahndung durchführt, bei der die Anforderungen exakt wortgenau abgeglichen werden), besteht die Chance, dass Ihre fachliche Kernkompetenz, Ihr Talent, Ihre Kreativität und Ihr Potential aus dem Lebenslauf heraus noch erkannt werden.
 
Ich drücke Ihnen die Daumen!
 
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Heidemarie Krüger, Personalberaterin seit fast 30 Jahren

*Lesen Sie dazu unter „Aktuelles“ auf unserer Website die Auswertungen von Lebensläufen. Hier: „Die Dominanz der individuellen Belange“


 
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